Artikel 20.10.2004, Die Presse

"Da hätt' ma ja reden können!"
VON EVA MALE (Die Presse) 20.10.2004


Maria Altmann, die Nichte Bloch-Bauers, ist verbittert über die Behandlung
durch Österreich.
Maria Altmann vor einer Reproduktion des berühmten Porträts ihrer Tante
Adele Bloch-Bauer von Gustav Klimt. Die 88-Jährige lebt in Los Angeles. |
(c) ap
 

Ich werde schließlich nicht jünger. Und Österreich setzt auf Verzögerung.
Delay, delay - in der Hoffnung, dass ich sterbe." Maria Altmann ist 88,
wirkt aber frisch und munter. Gerade war sie beim Friseur und genießt es
sichtlich, mit der Journalistin aus Österreich beim Lunch Deutsch zu
sprechen. Ein altmodisches Wienerisch, das an die eigenen Großeltern
erinnert. "Kolossal", "fabelhaft" - das sind Wörter, die man heute kaum mehr
hört. Kurzfristig hat Maria Altmann Zeit für ein Gespräch gefunden - "Ja,
ich bin brav. Wenn nur Österreich auch so brav zu mir wäre", seufzt sie.

Die elegante und geistig rege Dame, die noch bis zum Vorjahr in Los Angeles
einen Modehandel für ältere Menschen betrieb, klagt über die
"niederträchtige" Verhaltensweise Österreichs. Sie ist zermürbt vom
Rechtsstreit um die von ihr beanspruchten Klimt-Bilder, zugleich aber
weiterhin optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass zu guter Letzt ein
amerikanisches Gericht uns die Bilder zuspricht." Eindeutig sieht sie das
Recht auf ihrer Seite. "Das Testament meiner Tante Adele, auf das sich
Österreich beruft, enthält eine Bitte, keine Obligation." Die Bitte der 1925
verstorbenen Adele Bloch-Bauer an ihren Mann Ferdinand, die sechs
Klimt-Bilder nach seinem Tod der Republik Österreich bzw. der
Österreichischen Galerie zu schenken.

"Das war allerdings vor den Nazis. Man hat uns alles weggenommen, mein Mann
war in Dachau, wir haben viele Freunde verloren. Es ist unglaublich
anzunehmen, wir hätten die Bilder freiwillig der Regierung gegeben. Die
Nazis haben die Bilder abgeschleppt, und nicht nur diese." Später habe der
Anwalt der Familie, der 1948 das Testament anerkannte, dies "unter Zwang"
getan, da es von Seiten des Belvedere-Direktion damals - quasi eine
Erpressung - geheißen habe: Wenn Sie uns die Klimts hier lassen, dürfen Sie
den Rest ausführen. Die Nichte Bloch-Bauers verweist auf ein Schreiben des
damaligen Direktors der Galerie, in dem dieser schon 1948 die "prekäre
Situation" beschrieb, "weil es keinen Beweis gibt, dass die Bilder der
Österreichischen Galerie gehören".

Altmann ist über die Behandlung durch Österreich verbittert: "Ich bin in
Wien mit Small-talk und ,Küss die Hand' abgefertigt worden. Frau Gehrer zum
Beispiel war zuckerlfreundlich, hat über mich gelacht, über die Enkel
geplaudert, aber die Klimt-Sache schnell abgetan, à la ,ich weiß doch
eh . . .'"

Es wäre etwas anderes gewesen, "wenn wir uns zusammengesetzt und nach einer
Lösung gesucht hätten", betont Altmann, "und zwar noch bevor mir riesige
Anwaltskosten entstanden sind. Dann hätte man über die Porträts ja reden
können." Die Bloch-Bauer-Nichte meint, sie hätte sich bei einer
konstruktiveren Haltung Österreichs "bemüht, dass zumindest das Goldporträt
in Wien bleibt".

Adele Bloch-Bauer, die das berühmte Porträt zeigt, war Maria Altmanns
"Doppeltante", an die sie sich noch gut erinnert, die aber "für Kinder
nichts übrig hatte". Adele war die Schwester der Mutter, deren Mann
Ferdinand zugleich Bruder des Vaters. In Wien lebte man wohlhabend in der
Elisabethstraße - "das Haus haben wir übrigens auch nicht zurückbekommen.
Zum Glück war ich ganz unverwöhnt, denn in Amerika mussten wir am Anfang mit
35 Dollar pro Woche auskommen." Marias Mann Fritz hatte in Wien Gesang
studiert, konnte aber in den USA nicht Fuß fassen und verlegte sich aufs
familiäre Strickwaren-Geschäft.

"Ich mache das Ganze als letzte Bloch-Bauer für meine vier Kinder, meinen
Neffen, meine Nichte", so Altmann. Sollte sie die Klimt-Bilder je
zurückbekommen, werden sie aber nicht an eine Privatperson gehen, sondern
nach Altmanns Wunsch "in amerikanische und kanadische Museen".


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Ing. Leo Hoschka, Vienna

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Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner