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"Nicht einen Faden in Österreich gelassen"
Maria Altmann, 86, Nichte von Ferdinand Bloch-Bauer, über den Prozess um sechs Klimt-Gemälde, den sie gegen die Republik Österreich führt.
profil:
Sie haben die Republik Österreich in Kalifornien, wo Sie leben, auf Rückgabe von sechs Klimt-Werken aus dem Nachlass Ihres Onkels geklagt. Gibt es keine Verhandlungsbereitschaft auf österreichischer Seite?
Altmann: Obwohl ich immer gebeten habe zu verhandeln, ist das von den Österreichern stets abgelehnt worden. Das war aber ein Fehler, weil das den
Richtern gezeigt hat, dass sie zu keiner Verhandlung bereit sind. Die Österreicher werden jetzt das US-Höchstgericht in Washington anrufen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Supreme Court den Fall annimmt.
profil: Die Klimt-Bilder der Bloch-Bauers befinden sich heute in der Österreichischen Galerie. Wird damit nicht einem letzten Wunsch Ihrer Tante entsprochen?
Altmann: Die Bilder haben nie der Galerie gehört. Es war die Bitte meiner Tante Adele Bloch-Bauer an ihren Mann Ferdinand, nach seinem Tod die Bilder
der Galerie zu geben. Sie war aber nicht die Besitzerin, sondern das war mein Onkel, schließlich hat er die Bilder bezahlt. Sieben Jahre vor seinem Tod wurden die Bilder von den Nazis aus seinem Haus geschleppt. Mein Onkel
hat Ende 1945 ein Testament gemacht, zwei Wochen vor seinem Tod. Da hat er gesagt, alle früheren Testamente sind ungültig, was immer er besitze, gehöre seinen Nichten und Neffen.
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Wie beurteilen Sie die bisherige Strategie der österreichischen Anwälte, gegen jede Entscheidung der US-Gerichte zu Ihren Gunsten wieder zu berufen?
Altmann: Die Österreicher wollen das Verfahren so lange wie möglich hinziehen, weil solange die Bilder dort hängen, bekommen sie Eintrittsgeld.
Da kommen Leute aus der ganzen Welt, um das zu sehen. Die müssen ja schon Millionen eingenommen haben mit den ganzen Memorabilien. Ich kann ja nicht hingehen und die Bilder herunternehmen, aber das alles wird bestimmt eine
ganz schlechte Publicity für Österreich werden.
profil: Sie haben sich schon nach dem Zweiten Weltkrieg um Rückerstattung der Gemälde bemüht. Wie war damals die Reaktion?
Altmann: Nach dem Krieg hat man unserem Anwalt gesagt, wir könnten überhaupt keine Bilder herausnehmen, weil das lauter österreichische Maler seien. Aber
wenn etwas unter Druck weggenommen wird, muss es doch zurückgegeben werden. Das steht ja jetzt im Gesetz der Ministerin Gehrer. Noch dazu haben wir ein
Gutachten von Professor Welser von der Universität Wien, wo er sagt, es sei überhaupt keine Frage, dass die Bilder uns gehörten und nicht der Galerie.
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Wie geht die Republik Österreich heute mit Ihnen um?
Altmann: Im Jahr 1998 war ich bei einem Symposium in Wien. Damals waren alle furchtbar nett zu mir, und ich war ganz beglückt. Dann habe ich einen riesig
netten Brief an den Kunstrückgabe-Beirat geschrieben, dass ich als letzte Bloch-Bauer dazusehen werde, dass das Goldporträt Adele Bloch-Bauers Österreich nicht verlässt. Das ist ja ein Nationalschatz. Ich habe nicht
einmal eine Antwort auf den Brief bekommen was doch eigentlich eine Höflichkeit wäre, den Brief einer alten Dame zu beantworten.
profil: In Österreich heißt es, Sie hätten ja schon die wertvolle
Porzellansammlung Ihres Onkels zurückerstattet bekommen.
Altmann: Mein Onkel hat eine herrliche Porzellansammlung gehabt, 400 Stück. Das war Wiener Porzellan des Klassizismus. Wunderschön. Das alles ist
zurückgeblieben und auf der Kärntner Straße in einer öffentlichen Auktion versteigert worden. 15 Stück hat das Museum bekommen, die hat man uns später
zurückgegeben. Meine sechs oder sieben Stück habe ich in New York verkauft für 100.000 Dollar. Dass man uns das alles geraubt hat, darüber wird überhaupt nicht geredet, das ist alles selbstverständlich gewesen.
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Ihr Onkel, der Industrielle Ferdinand Bloch-Bauer, musste vor den Nationalsozialisten aus Österreich flüchten und starb in der Schweiz. Sie selbst sind auch geflüchtet.
Altmann: Ich wollte immer in Österreich bleiben. Aber wir wären dort umgekommen, wenn wir es nicht verlassen hätten. Mein Vater war damals 75
Jahre alt, er ist wegen der ganzen Aufregungen gestorben. Die Freunde meiner Eltern sind umgebracht worden. Ein Freund meines Vaters, ein Katholik, hat
sich erschossen. Ein Kinderarzt hat sich mit Morphium umgebracht, weil er keinen Ausweg gesehen hat. Das kann man nicht vergessen.
profil: Erinnern Sie sich denn noch an die Klimt-Bilder im Haus Ihres
Onkels?
Altmann: Natürlich. Wir waren ja jeden Sonntag dort zum Mittagessen. Ich war neun Jahre alt, als meine Tante gestorben ist. Nach dem Tod seiner Frau hat
mein Onkel ein Gedenkzimmer gemacht, mit herrlichen Blumen, schönen Möbeln und den Bildern. Mein Onkel hätte damals auch Impressionisten für das selbe Geld kaufen können, aber er wollte nur österreichische Kunst.
profil: Sollten Sie nun das Verfahren gewinnen: Wollen Sie die Klimt-Bilder wirklich in amerikanischen und kanadischen Museen sehen, wie Sie der "L.A. Times gesagt haben?
Altmann: Das war kein böser Ausspruch. Meine Tante hat sich damals gewünscht, dass die Bilder in Österreich bleiben, weil sie nicht gewusst
hat, was sein wird. Es ist keine Frage, dass sie nicht einen Faden dort gelassen hätte nach allem, was passiert ist. Nur die Österreicher, die wollen das nicht verstehen.
profil:
Sind die Klimt-Bilder nicht sehr mit Österreich verknüpft?
Altmann: Ich bin auch mit Österreich verknüpft. Die Amerikaner haben mir und meinem Mann, der im KZ war, eine Zuflucht gegeben, nachdem wir bei Nacht und Nebel über die Grenze geflohen sind.
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Sehen Sie keinen Weg, wie die Bilder doch in Österreich bleiben können?
Altmann: Wir haben den Österreichern oft genug die Gelegenheit gegeben, aber es ist ja nicht einmal die Rede davon gewesen, dass sie mit uns verhandeln.
Wenn die Österreicher uns den Gegenwert der Bilder geben, können sie sie behalten.
profil: Wie schätzen Sie den Streitfall heute ein?
Altmann: Das ist alles unendlich ungerecht. Ich hoffe, ich werde noch Gerechtigkeit erleben. Ich werde im Februar 87. Sehen Sie, ich liebe
Österreich, und die jungen Menschen haben ja keine Ahnung, die können ja nichts dafür. Aber man kann nicht vergessen, was einmal gewesen ist.
Interview: Edith Grünwald
Der Rechtsstreit
Im Rechtsstreit "Maria Altmann gegen die Republik Österreich geht es um die Klimt-Gemälde "Adele Bloch-Bauer", “Adele Bloch-Bauer II”, "Apfelbaum”,
"Buchenwald (Birkenwald)” und "Häuser in Unterach am Attersee” sowie "Amalie Zuckerkandl”. Die ersten fünf sind im Testament von Adele Bloch-Bauer,
Marias Tante, erwähnt. Adele bat ihren Mann Ferdinand, die Bilder nach seinem Tod der Österreichischen Galerie zu schenken. Adele starb 1925, die Bilder blieben bei Ferdinand.
Nach der Machtübernahme der Nazis musste Ferdinand in die Schweiz flüchten, wo er 1945 mittellos starb. In seinem Testament setzte er seinen Neffen und
seine Nichten als Erben ein. Maria floh mit ihrem Ehemann Fritz Altmann in die Niederlande, fand später in den USA Zuflucht. Die Klimt-Bilder musste
Ferdinand in Wien zurücklassen. Ein von den Nazis zur Vermögensliquidation eingesetzter Anwalt, Erich Führer, veräußerte die "Adele”-Porträts sowie
"Apfelbaum³ an die Österreichische Galerie. Nach dem Krieg versuchten Ferdinands Erben zumindest einen Teil der Kunstschätze zu bekommen. Um andere Bilder ausführen zu können, stimmten sie zu, dass die Klimt-Bilder
bei der Galerie verbleiben.
Maria Altmann hat die Republik nun auf Rückgabe der Bilder geklagt. Sie verweist auf die Unverbindlichkeit der Bitte Adeles und auf das Testament Ferdinands. Wegen der hohen Kosten will sie das Verfahren in den USA führen.
Die Republik Österreich hat gegen die Entscheidung der US-Gerichte, wonach eine Zuständigkeit in den USA gegeben sei, bereits zweimal Einspruch erhoben und will den Fall nun vor das US-Höchstgericht bringen.
Leserbriefe
profil 2/2003
"Nicht einen Faden in Österreich gelassen"
Interview mit Maria Altmann.
Herzlichen Dank für dieses Interview! Der "Fall" Bloch-Bauer beweist einmal mehr, dass das Thema "Vergangenheitsbewältigung" in Österreich auch bald 60 Jahre nach Ende des Naziterrors noch nicht zu
den Akten gelegt werden kann. Die Details dieser Geschichte mögen etwas komplizierter sein als in anderen, vergleichbaren Fällen. Es mag juristische Schlupflöcher geben, welche die Aussicht für die
Republik Österreich, einen allfälligen Prozess zu gewinnen, zwar keinesfalls erhöhen, welche aber Gelegenheit geben, die Sache in die Länge zu ziehen. Dies jedoch tatsächlich zu nutzen, wie es offenbar
Strategie der zuständigen Ministerin Gehrer ist, kann in Anbetracht des Alters und der Lebensgeschichte von Frau Altmann (nachzulesen u. a. auf www. adele.at) nur als blanker Zynismus bezeichnet werden.
Diese Gangart ist so durchsichtig wie skandalös! Frau Altmann hat immer wieder um Verhandlungen gebeten. In einer großzügigen Geste hat sie dem Restitutionsbeirat bereits 1998 (!) schriftlich zugesichert,
einem Verbleib von "Adele Bloch-Bauer" in Österreich zustimmen zu wollen. Weder wurde dieser Brief jemals beantwortet, noch hat die Republik es für wert befunden, mit Frau Altmann überhaupt zu reden.
Marie Therese Achleitner-Heumesser & Carl Achleitner Internet
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