Artikel 22.6.2002, Die Presse

Wiener Irrwege eines Klimt-Porträts: Notverkauf, Schenkung, Nötigung?
Im Belvedere landete Klimts Bildnis der Amalie Zuckerkandl. Die letzte,
vielleicht rechtmäßige Station einer tragischen Odyssee.

VON HANS HAIDER

Zwei Familien, zwei Anwaltskanzleien streiten um das Porträt "Amalie Zuckerkandl", das Gustav Klimt vor seinem Tod 1918 nicht ganz fertiggestellt hatte. Am 11. September 2001 kam das Bild in die Österreichische Galerie ins Belvedere. Es ist dort nicht ausgestellt.

Weil das Porträt in einer Inventarliste des Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch-Bauer 1938 aufscheint, erhebt dessen Nichte Maria Altmann Anspruch darauf; sie ließ Österreich in Los Angeles im Sommer 2000 auf Herausgabe klagen. Das auf runde sechs Millionen Euro geschätzte Bild sei als Nazi-Raubgut auf den Kunstmarkt gekommen.

Doch auch Nachkommen der Porträtierten A. Z. versuchen den Nachweis, daß der Witwer Ferdinand Bloch-Bauer (seine Frau Adele starb 1925, sie bedachte mit ihren eigenen Klimt-Bildern im Testament die Österreichische Galerie) nach der ersten Inventarisierung das Bild an A. Z. zurückgeben ließ; bekannt ist ein enges Verhältnis zwischen Bloch-Bauer und A. Z., ihr Bild hing in seinem Schlafzimmer.

Bald darauf habe Hermine Müller-Hofmann, eine Tochter der 1942 deportierten und umgekommenen A. Z., den Klimt der 1938 "arisierten" Neuen Galerie in Wien verkauft. Deren Kurzzeit-Eigentümerin Dr. Vita Künstler legte in einem Schenkungsvertrag vom 17. März 1988 fest: Das Bild kommt nach ihrem Tod ins Belvedere. Sie starb 2001 im Alter von 101 Jahren.

Nach einer Darstellung dieses Zanks in der "Presse" (23. Mai) meldeten sich Verwandte von Dr. Künstler: die Familie Richard und Catherine Polsterer: Sie verwahren unpublizierte "Erinnerungen an die Neue Galerie", die ihre Tante hinterlassen hat. Dort hat sie, noch lange vor dem Beginn der
Kunstrestitutions-Debatte, den Weg des Bildes beschrieben (siehe nebenstehend "im Wortlaut").

Ein Notverkauf der völlig verarmten Hermine Müller-Hofmann ist die wahrscheinlichere Variante als die von Maria Altmann behauptete. Zumal auch Ruth Pleyer, die für den "Standard", für Hubertus Czernin und den Altmann-Anwalt Randol Schoenberg Recherchen über das Schicksal der Bloch-Bauer-Kunstsammlung anstellte, ein ähnliches Zeugnis aktenkundig machte: Sie entdeckte Frau Müller-Hofmann (eine fromme Aktivistin der Legio Mariae) kurz vor deren Tod im Jahr 2000 im Altersheim:

"Freiwillige Schenkung"

"Die alte Dame war klar wie eh und je. Sie hat mir gesagt, Ferdinand Bloch-Bauer habe aus dem Exil dafür gesorgt, daß das Bild - uns sagte sie damals - zurückgegeben wurde."

Der Künstler-Neffe Ernst Budischowsky versuchte im Winter 2000 dem Anwalt Schoenberg den Weg des Bildes aufzuklären. Er wußte von einem Kauf 1941, und daß die Besitzer damals Müller-Hofmann hießen. "Daß die Verkäufer fliehen wollten ist klar - daß sie Geld brauchten, ist anzunehmen".

Ob die 1600 Reichsmark, an die sich Dr. Künstler als Preis erinnerte, dem Marktwert entsprachen, ist schwer zu klären. Für die moralische Beurteilung, die Vita Künstlers Nachkommen am Herzen liegt, ist das Angebot wesentlich, den Kauf nach 1945 rückgängig zu machen.

Das Zuckerkandl-Porträt blieb ein halbes Jahrhundert in der Künstler-Wohnung hängen, zuerst in der Brandgasse, dann in der Cottage-Gasse. Den Aufstieg an diese gute Adresse finanzierte die inzwischen verwitwete Vita Künstler durch den Verkauf eines Schiele-Bildes - ein Geschäft, das Klimts "Amalie Zuckerkandl" erstmals in die Zeitungen brachte.

Käufer von Schieles "Winterbäumen" (1911/12) war der New Yorker Unternehmer, Sammler und damalige US-Botschafter Ronald Lauder. Dem Wissenschaftsminister Hans Tuppy und dem Denkmalamtspräsidenten Gerhard Sailer wurde vorgeworfen, sie hätten nach politischen Interventionen - es war am Höhepunkt der Waldheim-Krise - die Ausfuhrbewilligung erteilt.

Am 28. Jänner 1988 rechtfertigte sich Generalkonservator Ernst Bacher: Von Schieles "Winterbäumen" gibt es mehrere Varianten in österreichischem Besitz, zudem hat sich die Vorbesitzerin als Gegenleistung für die Ausfuhrgenehmigung bereit erklärt, das Bildnis Amalie Zuckerkandl von Klimt der Österreichischen Galerie zu schenken.

Eine Neuauflage jenes Nötigungsmusters "Ausfuhrgenehmigung gegen freiwillige Schenkung", mit dem die Republik im ersten Nachkriegsjahrzehnt viele an NS-Opfer restituierte Kunst einbehalten hat! Erst das von Elisabeth Gehrer vorbereitete Kunstrestitutionsgesetz 1998 erlaubte es dem Staat, solche Pseudoschenkungen rückgängig zu machen.

Sollen die Erben nach Künstler den Klimt zurückbekommen - oder die nun den Anspruch stellenden Nachkommen von Hermine Müller-Hofmanns Schwester Nora Stiasny, an die bereits unter anderen Titeln Klimts "Apfelbaum II" und "Landhaus am Attersee" von der Österreichischen Galerie restituiert wurden. Blieb vom Verkauf 1941 - der nun laut Gesetz nichtig ist, wenn es sich um einen Notverkauf handelte - ein deutlicherer Anspruch begründet als durch eine durch kein Gesetz aushebelbare "Schenkung" unter Zwang 1988?

Damals sprach auch Ernst Bacher von einem "Notverkauf": Vita Künstler brauchte Geld für eine für ihr hohes Alter geeignetere Wohnung.

Kultur News

IM WORTLAUT

Aus den "Erinnerungen an die Neue Galerie" von Vita Künstler. Das 24-Seiten-Typoskript wurde um 1970 verfaßt - für Jane Kallir, die in New York Otto Kallir-Nirensteins in der Emigration in Paris gegründete Galerie Saint -Etienne fortführt. Mit ihr arbeitete Künstler für einen Schiele-Katalog zusammen. Die Neue Galerie war im Haus Grünangergasse 1 in Wien I. untergebracht. Kallir -Nirenstein schrieb die erste Schiele-Monographie und stellte 1931 als erster den Nachlaß des 1908 aus dem Leben geschiedenen Richard Gerstl aus. "Neue Galerie" benannte letztes Jahr in New York Ronald S. Lauder sein Privatmuseum.

"Anläßlich eines Besuches im Frühjahr 1924 fragte mich Otto Nirenstein, was ich nach der Promovierung zu tun gedenke. Auf meine Antwort: "eine Anstellung suchen", bot er mir spontan die Sekretärinnenstelle bei sich an. Daraus wurde eine wunderschöne Zusammenarbeit durch viele Jahrzehnte, durch die Emigration und den zweiten Weltkrieg zwar unterbrochen, aber in freundschaftlichem Gedenken nie getrennt. Ich hatte zwar im Jahre 1938 offiziell die Galerie "nazifiziert", führte sie aber im Sinn von Dr. K. weiter, immer in der Hoffnung, sie ihm in absehbarer Zeit wieder heil übergeben zu können. 1949 war das endlich der Fall. Weil Dr. K nicht mehr nach Wien zurückkommen wollte, blieb ich bis 1952 als seine Partnerin in der Galerie, die ich dann seiner nach Wien zurückgekehrten Tochter Evamarie übergab.

Mitten im Krieg wurde mir auch ein Klimtbild von Prof. Müller-Hofmann angetragen, der ebenfalls Geld brauchte. Es handelte sich um das unvollendete Porträt seiner Schwiegermutter, der Frau Amalia Zuckerkandl. Ich erwarb das Bild für die Galerie um den vereinbarten Preis von 1600 Mk. Um die gleiche Zeit war aber das Buch meines Mannes "Kleiner Führer zu Kunst und Kultur von Wien" erschienen, und er erhielt vom Verlag Hölzl einen einmaligen Betrag von 2000 Mk. dafür. Mein Mann kam natürlich bald in die Galerie, das Klimtbild zu besichtigen, und verliebte sich gleich so, daß er mir den Vorschlag machte, um seine gerade erhaltenen 2000 Mk. das Bild von der Galerie zu kaufen, damit ich doch einen kleinen Gewinn verbuchen könnte, der für die Weiterführung für mich ja essentiell war.

Und so kam das Klimt-Bild zuerst in das Bureauzimmer meines Mannes beim Berglandverlag am Schwarzenbergplatz und später dann in unsere Wohnung. Nach Kriegsende habe ich Frau Müller-Hofmann (ihr Mann war inzwischen gestorben) gefragt, ob sie das Bild zurück haben wolle, worauf sie meinte, es wäre bei ihnen verbombt worden, da ihre Wohnung im Augartenpalais zerstört worden war, sie sei froh, daß es erhalten geblieben wäre und gönne es uns."


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Ing. Leo Hoschka, Vienna

Last Release from: 04/02/07 02:10

Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner