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SECTION: Neue Sachbuecher, Pg. 55 Eigentlich wollte der Journalist und Verleger Hubertus Czernin mit der Historikerin Gabriele Anderl ein umfassendes Buch zum Kunstraub der Zweiten Republik schreiben. Das kritische Buch sollte vom Ministerium fuer Unterricht und Kunst gefoerdert werden. Doch der juengst ablehnende Entscheid der Republik Oesterreich zu den Restitutionsanspruechen der Familie Bloch-Bauer veranlasste den Autor, sich lediglich mit diesem Fall zu befassen. Czernin verzichtete auf die zugesagte Unterstuetzung ("Es waere kein gutes Geld gewesen") durch die Ministerin Gehrer, welcher dennoch das nun vorliegende zweibaendige Werk (Hubertus Czernin: "Die Faelschung". Band I: Der Fall Bloch-Bauer. Band II: Der Fall Bloch-Bauer und das Werk Gustav Klimts. Czernin Verlag, Wien 1999. Zusammen 512 S., geb., 54,50 DM) gewidmet ist. Gesponsert wurde es letztlich durch die moralisch angeschlagene Oesterreichische Postsparkasse: Diese fuehlt sich nicht verpflichtet, die 1938 konfiszierten juedischen Spareinlagen ordnungsgemaess auszuzahlen. Das Buch setzt nicht erst in den Tagen des Terrors ein. Der erste Band erzaehlt vom Leben des in Jungbunzlau geborenen Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch, seiner Heirat mit der wesentlich juengeren Adele Bauer - besser bekannt als Klimtmodell unter den Namen Adele I und II - sowie dem gemeinsamen Gesellschafts- und Kunstsalon in der Wiener Elisabethstrasse. Adele stirbt dreiundvierzigjaehrig 1925, nicht ohne einen letzten Willen zu hinterlassen, welcher das Kernstueck des zweiten Bandes ("Der Fall Bloch-Bauer und das Werk Gustav Klimts") darstellt. Sie aeussert darin den Wunsch, dass nach ihrem respektive Ferdinands Tod sechs Klimt-Bilder der Oesterreichischen Galerie zu hinterlassen sind. Ferdinand, in dessen Eigentum besagte Bilder stets standen, verpflichtet sich, dem Wunsch seiner verstorbenen Ehefrau nachzukommen. Nach 1938 berauben ihn die Nationalsozialisten seines gesamten Besitzes in Oesterreich und der Tschechoslowakei. Detailliert wird dieser Raub geschildert, doch Ziel des Buches ist es, nach der Arisierung auch die weitere Beschlagnahme durch die Zweite Republik zu schildern. Der Autor nennt es die Austrianisierung. Den unermuedlichen Bemuehungen des Rechtsanwaltes Gustav Rinesch, der 1938 den Bloch-Bauers die Flucht ermoeglichte, stehen geschlossen die ewiggestrigen Seilschaften gegenueber: 1948 muessen die Bloch-Bauers gleichsam als abermalige "Reichsfluchtsteuer" ihre besten Klimts der Republik vermachen, um ueberhaupt restituierten Besitz in die neue, lebensrettende Heimat bringen zu koennen. Immobiles ist fuer immer verloren: Im Palais Bloch-Bauer am Wiener Schillerplatz sitzen heute noch die Ariseure. Diese Fakten sind bekannt (F.A.Z. vom 31. August 1999). Erstmals publiziert aber sind hier Faelschungen, welche die Kunsthistoriker Novotny und Dobai in ihrem Klimt-Werksverzeichnis gemacht haben: So soll beispielsweise die
Arisierung des Portraets "Amalie Zuckerkandl" durch die Galeristin Vita Kuenstler durch eine falsche Provenienz vertuscht werden. Mit gutem Grund: Das Buch reisst zweifellos entscheidende Aspekte des Zusammenspiels von Kunsthandel und Buerokratie im Vereiteln der Rueckgabe beschlagnahmten Eigentums an, wiewohl durch das Einflechten kulturhistorischer Ausfluege das Werk bisweilen an Stringenz verliert. Die schaerfste Zurueckweisung des Buches kommt von Theodor Brueckler, dem Archivar des Bundesdenkmalamtes. Seine Kritik wurzelt nicht nur in der Art, wie Czernin die unruehmliche Rolle dieser Institution vor, waehrend und nach dem Krieg aufzeigt. Brueckler stellte auch selber ein Buch zum Thema Kunstraub zusammen (Theodor Brueckler : "Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Oesterreich". 1938 bis heute. Studien zu Denkmalschutz und Denkmalpflege, Band 19. Boehlau Verlag, Wien 1999. 478 S., 199 Faksimiles, 23 S/W-Abb., geb., 98,- DM). Bei dessen juengst abgehaltenen Praesentationen standen nicht so sehr gegenwaertige Probleme der Restitution im Mittelpunkt, als vielmehr die Frage, wer denn ueber dieses Thema ueberhaupt Buecher schreiben duerfe. Journalisten waeren doch nur, so Brueckler, an "Kannibalismus" interessiert. Das Ministerium wusste schon, warum es keine Pressearbeit zum Thema Restitution machte und den Tagesschreibern per Erlass den Zutritt zu den wesentlichen Arisierungsakten verwehrte. Dass Brueckler sie dann in seinem Buch ablichtet, ist auch eine Antwort auf seine Kritik. Ansonsten sind in seinem Buch die 1996 vorgetragenen Beitraege zum Mauerbachsymposion abgedruckt, ausserdem Aktenmaterial, dessen Analyse in einem weiteren Buch folgen wird. STEPHAN TEMPL |
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