Artikel 21.9.2000 
Berliner Morgenpost

Ikonen mit Diebesgut

Erbin fordert sechs Gemälde zurück:

Die große Gustav-Klimt-Schau in Wien

Von Reinhold Reiterer

Vor zwei Jahren wurde bei Christie's in London Gustav Klimts Landschaftsbild «Schloss Kammer am Atteresee II» für rund 40 Millionen Mark versteigert. Der Maler - er lebte von 1862 bis 1918 - galt und gilt als einer der Repräsentanten des österreichischen Jugendstils. Ein Maler, der im Späthistorismus durch Staatsaufträge, etwa für die Ausgestaltung des Kunsthistorischen Museums, des Burgtheaters oder für den Festzug zur kaiserlichen Silberhochzeit, berühmt wurde. 1897 gründet er mit anderen die Wiener Secession, ein mittlerweile weltbekannter Vertreter von «Wien um 1900».

Klimt war Maler der Gesellschaft, und er porträtierte Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft. Vorwiegend Frauen. «Gustav Klimt und die Frauen» heißt entsprechend auch die große Ausstellung, die gerade in der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere in Wien eröffnet wurde.

Rund 100 Exponate sind versammelt. Sie dokumentieren auch, dass Klimt ein penibler Arbeiter war. Bis zu 200 Vorstudien führten zum fertigen Gemälde. Seit fast einem Jahrhundert sind «Der Kuss» und «Die drei Lebensalter» wieder nebeneinander in einem Raum zu sehen. Und die Porträts sind in einen kunsthistorischen Zusammenhang gestellt. Neben Diego Velazquez' «Bildnis der Infantin Maria Theresia» steht etwa Klimts «Bildnis Fritza Riedler». In der Komposition hält sich Klimt bewusst und unübersehbar an das barocke Vorbild.

Der männliche Blick auf die Frauen erfolgt in dieser Ausstellung durch eine europäische Perspektive. Porträts von Lovis Corinth, Richard Gerstl, Ferdinand Hodler, Fernand Khnopff, Edouard Manet, Edvard Munch oder Egon Schiele veranschaulichen Klimts Zug zur Verquickung von Körperlichkeit und Ornamentalen, die zu einem völlig neuen Bildtypus führten. Seine Porträtierten, alles großbürgerliche, selbstbewusste Frauen, strahlen neben der erotischen Komponente bisweilen eine immaterielle Leichtigkeit aus.

In der Ausstellung hängen auch die beiden Porträts von Adele Bloch-Bauer. Sie war mit dem Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch-Bauer verheiratet. Bis 1938 waren die beiden Porträts und vier weitere Klimt-Landschaftsbilder im Besitz der Familie. Während der Nazizeit wurden die Kunstwerke enteignet.

Die 1925 verstorbene Adele Bloch-Bauer setzte ihren Mann als Universalerben ein und bat ihn, nach seinem Tod die sechs Klimt-Bilder der Österreichischen Staatsgalerie zu überlassen. 1938 musste ihr Mann emigrieren, sein Vermögen wurde konfisziert, er starb im November 1945 in Zürich. In seinem Testament bedachte er die Staatsgalerie nicht. Aus Adeles Bitte im Testament leitete nun österreichische Stellen und Behörden einen Rechtsanspruch auf die erwähnten Klimt-Bilder aus dem Besitz der Familie Bloch-Bauer ab.

Im Vorjahr weigerte sich die Republik Österreich trotz Rückgabegesetz, diese Kunstwerke zu restituieren. Die mittlerweile 84-jährige Erbin Maria Altmann hat nun Klage gegen die Republik Österreich eingebracht. Der Streitwert liegt bei umgerechnet rund 285 Millionen Mark.

1943 wurde in der Wiener Secession die größte Klimt-Ausstellung unter dem Ehrenschutz von Reichsstatthalter Baldur von Schirach präsentiert. Aus dem «Bildnis Adele Bloch-Bauer I» wurde ein «Damenbildnis mit Goldhintergrund». Ein wesentliches Verdienst der jetzigen Wiener Klimt-Ausstellung besteht unter anderem darin, dass den zwischen Goldglanz und Farbenrausch porträtierten Frauen wieder Namen und Biographie zurückgegeben wurden. Kurator Tobias A. Natter konnte beispielsweise im Mai die Adresse jener Mäda Primavesi eruieren, die Klimt um 1912 als Mädchen porträtierte. Zu spät: Sie starb 92-jährig am 24. April 2000 in Montreal als letztes Klimt-Modell.

Österreichische Galerie, Oberes Belvedere. Di. - So. 10 - 18 Uhr, Do. 10 - 21 Uhr. Bis 7. Januar. Internet: www.klimt-frauen.at

© Berliner Morgenpost 2000


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Dr. Stefan Gulner