Artikel 20.9.2000 
Die Presse

Klimt-Ausstellung: Ikonen der goldenen Kulturblüte
Die Österreichische Galerie würdigt im Oberen Belvedere "Klimt und die Frauen" mit enzyklopädischem Anspruch.

VON HANS HAIDER

Gold, Gold, Gold. Die mythische Wasserfrau "Nuda Veritas" (1899), "Judith I" (1901) neben "Judith II" (1909, Leihgabe aus Venedig), die "Wasserschlangen" (1904/5), das Porträt der 26jährigen Industriellen-Gattin "Adele Bloch-Bauer (1907)" sowie die millionenfach reproduzierten Klimt-Ikonen "Der Kuß", "Danae" (1907/8, Sammlung Dichand), "Die Erfüllung" (1910): So viele Goldbilder des absoluten Wiener Jahrhundert-Wendemeisters Gustav Klimt waren nie an einem Ort versammelt.

Aber nicht nur Gold glänzt im Oberen Belvedere unter der Ägide des Ausstellungskurators Tobias Natter: Ein Hauptwerk, das in der römischen Nationalgalerie für moderne Kunst nur periphere Aufmerksamkeit genießt, kam nach Wien: "Die drei Lebensalter" (1905). Der Quadratrahmen, in den Klimt bald darauf seine wollüstige Danae spannen wird, findet sich hier als idyllisches Symbol von Frieden, Ruhe, Glück: Die schlafende Mutter mit dem schlafenden Kind auf dem Arm. Das Toyota Municipal Museum lieh das Porträt der Eugenia (Mäda) Primavesi - der Mutter der Tochter selben Namens, die Klimt ebenfalls porträtiert hat; die (aufregendere) junge Mäda hängt im Metropolitan Museum, durfte aber ebensowenig nach Wien reisen wie Margarethe Stonborough-Wittgenstein aus München. Im Katalog sind Klimts Damen recht komplett abgebildet, die Biographien recherchiert. Das Verhältnis von Adele Bloch-Bauer zu Klimt bleibt dennoch unaufgeklärt.

Im Katalog ist festgehalten, daß Erben von Adeles ins Exil vertriebenem Mann Ferdinand Bloch-Bauer Ansprüche auf den von der 1925 kinderlos Verstorbenen der Staatsgalerie vermachten Klimt-Schatz stellen. Ein Faksimile-Abdruck von Adeles Testament wäre erhellend gewesen: Der Text macht den rechtmäßigen Erwerb 1925 augenfällig - und den Auftrag, das Legat für die Öffentlichkeit (und nicht zum Vorteil von Nichten, Neffen) zu bewahren, pflegen. Die Österreichische Galerie hat unter dem attraktiven Titel "Klimt und die Frauen" ihren Hausschatz gehoben, ja in einer professionellen Werbekampagne hochgestemmt. Kein anderers Museum beherbergt mehr Ölbilder von Klimt als die 1903 unterm Namen "Moderne Galerie" gegründete staatliche Sammlung. Klimt ist heute das Leitfossil der damaligen staatlichen Moderne-Pflege. Im Katalog-Buch (Dumont-Verlag) erinnert Jeroen van Heerde daran, daß der hochpreisige Klimt wie kein zweiter die Gunst öffentlicher Ankaufspolitik genoß. Den "Kuß" kaufte das Unterrichtsministerium 1908 für 25.000 Kronen.

Inszenierungs-Defizit

Klimts Frauen-Schau wurde durch Frauenporträts von Zeitgenossen angereichert zu einer Enzyklopädie dieses zeitlosen Genres: Bilder extremer Gegensätzlichkeit in Stil, Gestus, Material von Makart, Romako, Schiele ("Trude Engel" aus Linz), Gerstl und Kolig ("Berta Zuckerkandl"). Die Auswahl des Internationalen wirkt zufallsbestimmt. Immerhin Fernand Khnopff ist gut vertreten.

Wer sich Bild für Bild durch Klimt liest wie durch ein Briefmarkenalbum und keinen Blick verschwendet auf die Räume, Stellwände, Wechselspiele von Haupt- und Nebenwerken, weiß sich so gut bedient wie nirgendwo. Doch deutlicher als üblich ist zu spüren, daß ein Barockpalais, naturgemäß ein Agglomerat aus Türen und Fenstern, für eine Bilderschau kaum geeignet ist. Gemälde und Zeichnungen unter demselben Licht, an denselben Wänden! Der einzige Einbau, ein stoffdrapiertes Oktogon mit drei Türen und fünf Hängeflächen, ist von bloß thrakischer Eleganz.

Der Schau fehlt, was ihr Titel verspricht: der inszenierte Zauber der Objekte, die Attraktion des Weiblichen. Vielleicht ist es schon falsch, Porträt neben Porträt aufzuhängen und so den heimlichen Anspruch der Einzigartigkeit zu verwischen. Das große Frauenbild, ob Bildnis, ob Allegorie, will faszinieren wie eine Redoutenkönigin. Man(n) will sich, wie dem Zeichen aus einer anderen Welt, annähern, konzentriert, ohne ein Auge auf andere Attraktive. Manch wohlhabende Klimt-Kundin ließ eine ganze Saloneinrichtung um ihr Porträt komponieren. Aber "Frau um Frau" konterkariert die Selbstinszenierungen - bei denen Meister Klimt mit schwelgerischem Ornament behend, bestechend mitgespielt hat.

Bis 7. Jänner. Tägl.10 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr, Montag geschlossen.


designed by:
 
Ing. Leo Hoschka, Vienna

Last Release from: 04/02/07 02:10

Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner