Artikel 8.3.1999 
- Teil 2

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Der Fall Bloch-Bauer (2)

Adele Bloch-Bauer, die Frau zwischen Kunst und Großbürgertum

Die bemerkenswerte Unbekannte

Standard-Autor Hubertus Czernin über Ferdinand und Adele Bloch-Bauer, deren letzte direkte Erbin, Maria Altmann, Anspruch auf fünf Werke Gustav Klimts erhebt, die noch in der Österreichischen Galerie zu sehen sind.

Den Sommer 1899 verbrachte Alma Schindler, die Tochter des Malers Emil Jakob Schindler, im Ausseerland. Am Freitag, dem 25. August, vermerkte sie nach einer längeren Wanderung zum Toplitzsee und zur Ranftlmühle in ihrem Tagebuch: "Um 12 Uhr waren wir zu Hause. Nachmittags da: Herr Director Taussig, Helene, Flora Taussig, Thedy Bloch und Adele Bauer, letztere mit schiechem Bräutigam."

Diese Eintragung im Tagebuch der Alma Mahler-Werfel zählt zu den wenigen öffentlich zugänglichen zeitgenössischen Hinweisen auf das Leben von Adele Bloch-Bauer. In Schnitzlers Tagebüchern finden sich gerade drei Bemerkungen über sie. Seltsam daran ist, daß Adele offensichtlich zu den bemerkenswerten Frauengestalten des Wiener Fin de Siècle gehört hat, nicht nur wegen der zwei Porträts, die Gustav Klimt von ihr gemalt hat, von denen eines, das 1907 fertiggestellte goldene, bei Zeitgenossen den Spottruf "Mehr Blech als Bloch" provoziert hatte.

Auch die Kunstgeschichte hat sich nie so richtig für Adele interessiert. Natürlich, die beiden Porträts werden umfangreich gewürdigt und interpretiert, aber die Geschichte der Frau, die für Gustav Klimt über viele Jahre immer wieder Modell gesessen war (angeblich auch für die Judith-Porträts), blieb stets im Schatten, sieht man von einem Aufsatz ab, der 1986 in der US-Zeitschrift Art and Antiques erschien. Dort hatte der Psychiater Salomon Grimberg die Beziehung Adeles zu Klimt beschrieben.

Sonst ist weit und breit praktisch nichts über Adeles Leben zu erfahren, jedenfalls wesentlich weniger als über ihren "schiechen Bräutigam" des Sommers 1899, Ferdinand Bloch, einen der einflußreichsten Industriellen seiner Zeit, den sie fünf Tage vor Weihnachten, 18jährig geheiratet hatte. Ihr Vater Moriz Bauer war Generaldirektor des Wiener Bankvereins und Präsident der Orientbahnen.

"Adele war nicht glücklich zu Hause", erinnert sich ihre Nichte Maria Altmann. "Sie wollte studieren, was damals für ein junges Mädchen unüblich war und so heiratete sie. Ich glaube, sie hat ihren Mann unheimlich respektiert, aber ich würde nicht sagen, daß es eine Liebesheirat war."

Ihre Mutter (jene "Thedy", die Alma Mahler-Werfel erwähnte) habe später gesagt, daß Adeles Beziehung zu Klimt rein intellektuell gewesen sei, so Frau Altmann. Es waren ungewöhnliche Familienverhältnisse:

Thedy, eigentlich Marie-Therese Bauer, hatte in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts den Anwalt Gustav Bloch geheiratet, ihre Schwester Jahre später dessen Bruder Ferdinand. Gemeinsam erwirkten sie 1917 eine Änderung des Familiennamens.

Die Bloch-Brüder stammten aus Böhmen. Ihr Vater David, verheiratet mit Marie Strakosch, war Zuckerfabrikant. Ferdinand, geboren 1864, besuchte die Handelsakademie in Prag, ehe er in das Unternehmen seines Vaters eintrat. In einem in den 30er Jahren erschienenen "Handbuch der Führenden in Kultur und Wirtschaft" heißt es über ihn:

"Neigung zu seiner Tätigkeit, geniale Veranlagung, rastlose ernste Arbeit und überaus strenge Gewissenhaftigkeit halfen dem (. . .) Sproß einer altangesehenen Zuckerfabrikantenfamilie, sich in Überwindung aller Schwierigkeiten und Hemmnisse zu einer europäischen Autorität auf dem Gebiete der Zuckererzeugung, des Rübenbaues und der Landwirtschaft siegreich emporzuarbeiten. Dabei ist es charakteristisch für die überragende Persönlichkeit dieses vorbildlichen Wirtschaftsführers, welcher als einer der Letzten und Allerbesten den vornehmen Typus des hochkultivierten Großindustriellen der alten österreichischen Monarchie darstellt, daß er niemals einseitig der Pflege seiner (. . .) Geschäfte lebte, sondern seinem hohen Geiste Erholung und seinem edlen Herzen Nahrung und Stärkung dadurch zu verschaffen wußte, daß er wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen reges Interesse entgegenbrachte und sie mit reichen Mitteln (.. .) förderte."

Äußeres Zeichen des familiären Wohlstands war Ferdinand Blochs böhmischer Wohnsitz: Schloß Brezan bei Prag. In Wien hatte er im Dezember 1919 das Palais in der Elisabethstraße 18 schräg vis-à-vis von der Akademie am Schillerplatz gekauft, fast auf den Tag genau zwanzig Jahre nach seiner Hochzeit mit Adele, so, daß man vermuten könnte, daß es ein Geschenk anläßlich dieses Jubiläums war. Das Haus wurde zu einem der gesellschaftlichen Zentren Wiens: Alma und Gustav Mahler verkehrten dort, Richard Strauss, Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Karl Renner, Julius Tandler.

Recherche: Gabriele Anderl/ Ruth Pleyer/Hubertus Czernin

Lesen Sie morgen: Das Palais in der Elisabethstraße

© DER STANDARD, 8. März 1999


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