Artikel 6.3.1999 
- Teil 1

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Der Fall Bloch-Bauer

Hubertus Czernin rollt in seiner neuen Serie auf, wie der Staat in den
Besitz von fünf Klimt-Gemälden kam. S. 21

Start einer neuen Serie: Der Fall Bloch-Bauer

Der Besuch der alten Dame

Standard-Autor Hubertus Czernin über die Kunstsammlung von Ferdinand und
Adele Bloch-Bauer, deren letzte direkte Erbin, Maria Altmann, unter anderem Anspruch auf jene fünf Hauptwerke Klimts erhebt, die seit einem halben Jahrhundert in der Österreichischen Galerie zu bewundern sind.

Diese Serie erzählt die Geschichte des Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch und der Bankierstochter Adele Bauer, die kurz vor Weihnachten 1899 in Wien
heirateten und seit 1917 den Namen Bloch-Bauer trugen. Sie beschreibt eine Familie, deren Haus eines der Zentren des Wiener Fin de Siècle war. Sie berichtet vom frühen Tod der von Gustav Klimt zweifach porträtierten Adele, von Ferdinands Vertreibung ins Schweizer Exil und vom teilweise vergeblichen Kampf seiner Erben mit der Zweiten Republik um die Rückgabe der einzigartigen Kunstschätze. Auch sie wurden erpreßt.

Am Beginn dieser Serie steht die Erinnerung Maria Altmanns, einer Nichte von Ferdinand und Adele Bloch-Bauer, die nach dem "Anschluß" auf abenteuerliche Weise aus Österreich geflohen ist. Maria Altmann, 83 und inzwischen in Kalifornien zuhause, traf vergangenen Donnerstag in Wien ein, um am Dienstag auf Einladung der Israelitischen Kultusgemeinde im Kunsthistorischen Museum an einer Podiumsdiskussion über den doppelten Kunstraub an den rassisch Verfolgten des Nationalsozialismus teilzunehmen.

Flucht aus Wien

Sie war von Ferdinand Bloch-Bauer gemeinsam mit ihren Geschwistern Luise und Robert 1945 zur Erbin des von den Nazis weitestgehend zerstörten Vermögens erklärt worden. Und damit auch zur Mit-Erbin der Kunstsammlung. Maria Altmann ist gewissermaßen eine der letzten lebenden Zeitzeugen, die über Adele und Ferdinand Bloch-Bauer Auskunft geben können. Sie selbst war im Herbst 1938 aus Wien geflohen:

"Wir heirateten am 9. Dezember 1937. Unsere Hochzeitsreise führte uns nach
Paris und St. Moritz. Mitte Jänner 1938 bezogen wir unsere neu eingerichtete Wohnung in der Siebenbrunnengasse. In dem Komplex war sowohl die Bernhard Altmann Strickwarenfabrik als auch das Wohnhaus mit mehreren Stockwerken. In einem war unsere Wohnung. In der ersten Aprilwoche oder vielleicht schon in den letzten Märztagen kamen zwei Zivilisten - der eine hieß Landau - und wollten meinen Schmuck.

Ich hatte gerade vorher das Diamantcollier und die Boutons meiner verstorbenen Tante Adele zur Hochzeit bekommen. Dieser große Schmuck war beim Juwelier Rozet & Fischmeister. Ich habe ihnen zuerst alles gegeben, was ich an Schmuck zuhause hatte. Ich mußte sogar meinen Verlobungsring vom Finger nehmen, und aus Todesangst, daß sie Fritz, meinen Mann, verhaften würden, sagte ich, ich habe noch Schmuck, der ist beim Juwelier, er werde geliefert. Sie zogen ab.

Am nächsten Tag kamen sie wieder und schoben unser neues Auto aus der Garage. Dann arretierten sie Fritz. Mein Schwager Bernhard hatte am 11. März den letzten Zug genommen und war zu Fuß über die ungarische Grenze gegangen.

Er emigrierte nach Paris. Von dort schrieb er seinen ausländischen Kunden, sie mögen ihm das Geld für seine Ware senden, da die Deutschen seine Fabriken übernommen hatten. Die Kunden taten das auch. So fuhren die beiden Herren, die die Fabrik übernommen hatten, zu Bernhard nach Paris. Fritz war inzwischen auf einem der ersten Transporte in den ersten Maitagen nach Dachau gebracht worden. Davor war er im Landesgericht inhaftiert. In Paris erklärten die beiden Herren meinem Schwager, wenn er ihnen die Fabrik überträgt, würde Fritz aus Dachau entlassen. So geschah es, und Fritz kam am 21. Juli nach Hause.

Cello der Rothschilds

Mein geliebter Vater war am 2. Juli gestorben. Er war ein begeisterter, wenn auch nicht erstklassiger Cellist gewesen. Er war mit den Rothschilds befreundet. Und da ein Instrument gespielt werden muß, um gut zu bleiben, hatten ihm die Rothschilds das Stradivarius-Cello zur Verfügung gestellt. Im Juni 1938 holte die Gestapo das Cello ab. Mein Vater starb wenige Wochen später. Ein Lebensfaden war durchschnitten worden.

Als Fritz wieder zuhause war, begannen wir, Pläne zu schmieden. Man hatte mir den Paß gegeben, wir wußten aber, daß sie Fritz niemals ausreisen lassen würden. Nach außen hin war man nett zu uns. Herr Landau hatte inzwischen eine Wohnung im Haus genommen, so daß Fritz quasi ständig überwacht war. Wir erhielten die Erlaubnis, ein bißchen wegzugehen, aber nie für längere Zeit.

Wir prüften, ob uns jemand nachging. So stiegen wir ein paarmal aus der Stadtbahn aus, um zu sehen, ob uns jemand folgt. Aber das war nicht der Fall.

Bernhard dirigierte unsere Flucht vom Ausland aus. Dies ging über einen Haftkollegen von Fritz, einen bescheidenen jungen Mann, der mit Fritz im Landesgericht gewesen war. Bei ihm konnten wir sicher sein, daß seine Post nicht zensuriert wurde. Zwei Fluchtversuche mit falschen Pässen mißlangen, aber man kam uns Gott sei dank nicht drauf. Endlich, am 21. Oktober 1938, war es dann soweit. Fritz mußte zum Zahnarzt, und ich erhielt die Erlaubnis, mit ihm anschließend spazieren und essen zu gehen. Um 5 Uhr sollten wir wieder zuhause sein. Die Flugkarten nach Köln hatte ein Freund von mir besorgt. Es war ja ein Reich, und daher war kein Paß nötig.

Nur mit Regelmänteln als Gepäck verließen wir das Haus und nahmen ein Taxi zum Flughafen. Zu Mittag landeten wir in Köln. Dort sollte uns ein Cousin von Fritz vor dem Dom erwarten, aber niemand war da. So nahmen wir kurzerhand den Zug nach Aachen. Wir hatten ja die Adresse des Bauern, der uns über die Grenze führen sollte. In Aachen nahmen wir ein Taxi, gaben dem Fahrer die Adresse, aber der wußte nicht genau, wie und wo, und wollte daher
von der Grenzpolizei nähere Auskünfte. ,Nein', schrien wir, ,es ist uns wieder eingefallen.' Wir stiegen aus und gingen zu Fuß weiter. Da kam wie in einer Vision ein schöner, junger Priester auf uns zu. Wir fragten ihn nach dem Weg. ,Ich bringe Sie gern hin', antwortete er, ,der Bauer hat schon einige meiner Leute über die Grenze geführt.'

Schiff nach Amerika

Abends kamen wir am Bauernhof an. Ich habe leider den Namen des Bauern vergessen. Der Arme wurde Monate später umgebracht. Nicht unseretwegen, sondern weil man herausfand, daß er viele Menschen über die Grenze gebracht hatte. Der Bauer führte uns über die Grenze. Wir waren in Holland. Dort wurden wir von einem Freund erwartet, der uns nach Maastricht brachte.

Alles war so vorbereitet worden, daß uns niemand finden konnte. Am nächsten Morgen nahmen wir den Zug nach Amsterdam. Dort hatte Bernhard ein Flugzeug gemietet, das uns direkt nach Liverpool brachte. Am 21. Mai 1940 fuhren wir mit dem Schiff nach Amerika."

Zu diesem Zeitpunkt war das Gesamtvermögen Maria Altmanns längst "zugunsten des Staates eingezogen worden", wie es in einem Gestapo-Bericht heißt: "Wegen staatsfeindlicher Betätigung und Vermögensverschleppung."

Heydrich im Schloß

Maria Altmann: "Onkel Ferdinand war ja tschechischer Staatsbürger. So war er im März 1938 von Wien in die Tschechoslowakei gefahren, in sein Schloß Brezan bei Prag. Später hat Heydrich dieses Schloß besetzt. Auch dort wurde
übrigens alles gestohlen. Als die Deutschen die Tschechoslowakei besetzten,
ging Onkel Ferry rechtzeitig in die Schweiz. Er war dort zwar nicht gänzlich mittellos, aber lebte in einem kleinen Hotel in Zürich, wo er dann auch gestorben ist. Er war ein gebrochener alter Mann. Man hatte ihm alles geraubt."

Drei Wochen vor seinem Tod im Zürcher Hotel Bellerive hatte Ferdinand Bloch-Bauer sein Testament gemacht: "Im vollen Besitze meiner geistigen Kräfte frei von jedem Zwang bestimme ich Folgendes: Die Hälfte meines mobilen und immobilen Vermögens hinterlasse ich meiner Nichte Louise Baronin Gutmann, geborene Bloch-Bauer wohnhaft z.Z. in Zagreb. Ein Viertel meines mobilen und immobilen Vermögens hinterlasse ich meiner Nichte Maria Altmann, geborene Bloch-Bauer, wohnhaft z.Z. in Hollywood. Ein Viertel meines mobilen und immobilen Vermögens hinterlasse ich meinem Neffen Robert Bentley (früher Bloch-Bauer), wohnhaft in Vancouver, Kanada. Ich wünsche, im nächsten Krematorium eingeäschert zu werden. Meine Urne möge am gleichen Orte (wenn möglich) wie die Urne meiner seligen Frau beigesetzt werden. Diesen meinen letzten Willen habe ich selbst geschrieben und auch eigenhändig unterschrieben. Ferdinand Bloch-Bauer. Zürich, 22. Oktober 1945. Alle früheren Testamente erkläre ich für ungültig."

Recherche: Gabriele Anderl/ Ruth Pleyer/Hubertus Czernin

Lesen Sie am Montag den 2. Teil: Wie alles begann - der Salon Bloch-Bauer


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Last Release from: 04/02/07 02:10

Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner