Artikel 18.3.1999 
- Teil 10

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Zehnter und letzter Teil der Standard-Serie "Der Fall Bloch-Bauer":

Die Gier

"Eine nicht eben ungefährliche Situation"

Der Kunstrückgabebeirat, der die bereits erfolgte Restitution der in der Nachkriegszeit abgepreßten Preziosen aus Rothschild-Besitz empfohlen hatte, befaßt sich heute, Donnerstag, mit den ähnlich gelagerten Fällen Lederer und Bloch-Bauer. Standard-Autor Hubertus Czernin liefert zum letztgenannten die Fakten.

Spätestens seit dem Sommer 1945, als er die Akten Erich Führers eingesehen hatte, wußte Gustav Rinesch, der Anwalt von Präsident Ferdinand Bloch-Bauer, über den Verbleib der Klimt-Gemälde Bescheid: Schloß Kammer am Attersee III hatte Bloch-Bauer 1936 noch selbst der Österreichischen Galerie geschenkt.

Adele Bloch-Bauer I und Apfelbaum I hatte Führer 1941 gegen Schloß Kammer getauscht und dem NS-Galerie-Chef Bruno Grimschitz übergeben. Dieses Gemälde verkaufte Führer 1942 an Ingeborg Ucicky um 4000 Reichsmark. Es kam dann in den Besitz des Filmregisseurs Gustav Ucicky, des illegitimen, dem NS-Regime nahestehenden Sohnes von Gustav Klimt. Im November 1942 schließlich ging Buchenwald um 5000 Reichsmark an die Städtischen Sammlungen Wiens und im folgenden Jahr Adele Bloch-Bauer II um 7500 Reichsmark an die Österreichische Galerie. Das sechste Klimt-Bild, Häuser in Unterach am Attersee, hatte Führer bei sich behalten.

Mit anderen Worten: Nimmt man die tatsächliche Testamentslage als Basis, hatte die Österreichische Galerie nach Kriegsende Anspruch auf ein einziges Klimt-Werk: Schloß Kammer am Attersee III. Alle anderen hätten den Erben des Industriellen zugesprochen werden sollen. Aber diese standen vor der Hürde des Ausfuhrverbotsgesetzes.

Das erste Dokument, in dem sich Rinesch mit den Klimt-Gemälden befaßt, stammt vom 6. Dezember 1947 und hat als Adressaten den Bloch-Bauer-Erben Robert Bentley: "Den an Ucicky verkauften Klimt habe ich bereits zurückgefordert. Die Österreichische Galerie besitzt 3 Klimt-Bilder und zwar 2 Porträts Adele B.B. und das Bild Apfelbaum. 2 davon hat sie geschenkt bekommen, eines (das stehende Porträt) gekauft. Bekanntlich hat Adele B.B. ihre Klimts testamentarisch dem Museum legiert, der Präsident hatte aber, solange er lebte, das Recht, die Bilder bei sich zu behalten. Obwohl das Museum also schon früher in den Besitz der Bilder gelangt ist, wäre der Erbfall jetzt eingetreten. Dem Museum ist der Inhalt dieses Testaments bekannt, wurde ihm durch Dr. Führer bekannt gegeben, darüber existiert ein Briefwechsel. Ich glaube, daß das Museum seinen Anspruch durchsetzen müßte.

Wie soll ich mich verhalten? Soll ich das Testament Adele B.B. hinausschicken?"

Bentley dürfte Rinesch angehalten haben, von der Galerie die Herausgabe zu fordern. Denn Rinesch schreibt am 19. Jänner 1948 an die Direktion des Museums: "Ich wäre Ihnen für die Mitteilung dankbar, wie Sie sich zu den Rückstellungsansprüchen meiner Klienten in diesem Fall stellen würden." Gemeint waren die beiden Porträts und Apfelbaum. Dem neuen Museumsdirektor Karl Garzarolli-Thurnlackh, während der NS-Zeit Galerie-Direktor des Grazer Joanneums, verschlug es die Sprache. Er erkrankte.

Und reagierte erst am 16. Februar 1948: Garzarolli erklärte, Adele habe sogar sechs Bilder Klimts seinem Museum gewidmet. Ferdinand Bloch-Bauer habe aber seinerzeit darum gebeten, "die Bilder bis zu seinem Ableben in seiner Wohnung behalten zu dürfen". Er schloß seinen Brief mit dem Hinweis, daß der Galerie daher noch vier Gemälde fehlten: "Ich werde Herrn Doktor bitten müssen, die endliche Erfüllung der letztwilligen Verfügungen der Frau Adele Bloch-Bauer bei den Erben (...) anzumelden."

Bloß Behauptungen

Garzarolli hatte aber nichts in der Hand, um seine Behauptungen zu belegen. Verzweifelt suchte er nach Adeles Testament. Zu diesem Zeitpunkt verfügte er nur über zwei Hinweise auf das Legat: eine Mitteilung von Bundesdenkmal-Direktor Otto Demus aus dem Sommer 1947, daß "laut h.o. Unterlagen" Apfelbaum, Birkenwald und das Porträt Adele Bloch-Bauer für die
Österreichische Galerie bestimmt seien. Den zweiten Hinweis verdankte Garzarolli seinem Vorgänger aus der NS-Zeit, Bruno Grimschitz. Dieser behauptete, daß die Gemälde nach Adeles Tod "nur auf Ersuchen ihres Gatten in dessen Wohnung belassen wurden".

Es sah schlecht aus für die Österreichische Galerie. Garzarolli bat deswegen am 24. Februar die Finanzprokuratur um Beistand und tags darauf Grimschitz endlich um ein genaues Protokoll der Adele-Geschichte, "da Dr. Rinesch in der Angelegenheit drängt".

Aus heutiger Sicht beging Gustav Rinesch an jenem Tag den entscheidenden Fehler. Auch er befragte Grimschitz und erhielt als Auskunft, Ferdinand Bloch-Bauer habe ihm gegenüber "wiederholt" das Testament Adeles anerkannt.

Grimschitz hatte allerdings seit der Flucht des Witwers im März 1938 keinen Kontakt mehr zu diesem gehabt.

Tags darauf unterrichtete Rinesch Bentley über die Schwierigkeiten bei der Rückstellung der Kunstsammlung. 19 Stück aus der Porzellankollektion seien für die Ausfuhr bereits gesperrt, für das Zustandebringen der Alt-Bilder bestehe wenig Hoffnung. Und die Klimts? Rinesch schickte einen Aktenvermerk über das Gespräch mit Grimschitz, die Stellungnahme von dessen Nachfolger Garzarolli und merkte an: "Der Wortlaut des Testaments ist mir leider nicht bekannt, ich hoffe jedoch, es noch in den Akten Dr. Führers zu finden. Wer hat eigentlich die Verlassenschaft damals abgehandelt?"

Am 1. März lieferte Grimschitz, in den 30er Jahren Kustos der Galerie, seine Stellungnahme ab, die vor Behauptungen strotzte: "Präsident Bloch-Bauer ersuchte mich nach dem Tode seiner Gattin öfters, die Bilder in dem unveränderten Zimmer seiner verstorbenen Gemahlin bis zu jenem Zeitpunkt behalten zu dürfen, zu dem die Galeriedirektion die Gemälde für eine Ausstellung unbedingt benötigen würde."

Wenige Tage später hatten Beamte der Finanzprokuratur endlich Adeles Testament und Ferdinands Vermögensbekenntnis gefunden und an Garzarrolli
weitergeleitet. Die Juristen dürften geahnt haben, daß nun alles noch komplizierter würde: "In dem eidesstättigen Vermögensbekenntnis wird ohne nähere Begründung behauptet, daß die gegenständlichen Klimtbilder nicht Eigentum der Erblasserin, sondern des erblasserischen Witwers seien." Eine Klarstellung der Eigentumsfrage erübrige sich jedoch, weil Ferdinand Bloch-Bauer ohnehin die Erklärung abgegeben habe, daß er die Bitte seiner Frau erfüllen wolle.

Eine Seeschlange

Garzarolli ahnte Böses und machte Grimschitz schwerwiegende Vorhalte: Dieser hätte sich frühzeitig um eine schriftliche Erklärung Bloch-Bauers "unbedingt kümmern müssen".

Die Angelegenheit wachse sich "zu einer Seeschlange" aus: "Meines Erachtens wird es auch im Interesse Herrn Professors liegen, mir bei der Entwirrung beizustehen. Vielleicht kommen wir dadurch noch am besten aus diesen nicht eben ungefährlichen Situationen heraus."

Eines erkannte der Galerie-Chef: In Wahrheit verfügte er nur über die Aussagen seines Vorgängers. Auf Testament und Erbserklärung konnte er sich nicht verlassen. Dennoch pochte er unverdrossen auf seine Ansprüche. Ja, er weitete diese sogar noch aus. Am 2. April 1948 informierte er Demus von seinen zusätzlichen Wünschen aus der Sammlung Bloch-Bauer: Ein Gemälde Danhausers wolle er kaufen. Arbeiten von Pettenkofen, Neder und Nigg tauschen, ein Aquarell Peter Fendis empfehle er für die Albertina. Außerdem gäbe es noch das Klimt-Gemälde Seeufer mit Häusern in Kammer. Dieses stehe infolge eines "durch Herrn Präsidenten Ferdinand Bloch-Bauer anerkannten Legats" der 1925 verstorbenen Adele der Galerie zu, Erich Führer hätte es veruntreut.

Garzarolli hatte das Bild in der Wohnung des späteren CA-Syndikus Kurt Grimm entdeckt, in dem Karl Bloch-Bauer, ein Neffe Ferdinands, Unterkunft gefunden und Teile der von Führer übernommenen Sammlung untergebracht hatte. Der Galerie-Direktor ergänzte sein Schreiben mit dem Hinweis, daß in dieser Angelegenheit bereits ein Rückstellungsverfahren laufe: "Ich bitte die Erwerbungs- und Tauschvorhaben erst dann laut werden zu lassen, wenn von der Finanzprokuratur der Zeitpunkt hiefür als gegeben bezeichnet wird, wovon augenblicklich Nachricht gegeben wird, d.h. also, daß aus taktischen Gründen um eine verzögernde Behandlung gebeten wird."

Rinesch bekam nichts von Garzarollis Aktivitäten mit. Er ermächtigte am 10. April 1948 die Österreichische Galerie, das Attersee-Bild aus Karl Bloch-Bauers Wohnung in Empfang zu nehmen. Das letzte Pfand war verloren

Ein Bildchen noch

Tags darauf berichtet Rinesch Bentley die Ereignisse. Garzarolli und andere Beamte hätten sich Karls Wohnung angesehen. Ihnen sei aufgefallen, daß sich
unter den Bildern "solche aus der Sammlung B.B." befänden: "Ich wurde darauf von Dr. Demus angerufen und war mit George bei ihm. Demus erklärte, daß die Österr. Galerie größten Wert auf diese Bilder legt, und daß eine Einigung über die wenigen sofort zur Ausfuhr verlangten Bilder schwer möglich ist.

(...) Bei dieser Gelegenheit kam auch die Angelegenheit der Klimt-Bilder und des Legats Adele B.B. zur Sprache. Ich bin der Meinung, daß man das Denkmalamt und das Museum durch eine Ordnung dieser Sache geneigt stimmen könnte.

(...) Du bist ja ohnedies einverstanden, daß es geschieht." Er, Rinesch, habe deshalb schon tags zuvor Garzarolli gegenüber erklärt, "daß die Erben Ferdinand B.B.s dessen Willen erfüllen werden, was dankbar zur Kenntnis genommen wurde". Die sechs Gemälde würden mit Widmungstafeln versehen: "Hiedurch ist das Mueseum bereits günstig gestimmt."

Von diesem Tag an hatte Rinesch, der sofort seine Ausfuhransuchen für Bloch-Bauer-Kunstwerke erneuerte, einen Verbündeten: Garzarolli-Thurnlackh.
Dennoch zog sich die Angelegenheit. Im Sommer 1949 waren noch immer Teile der Sammlung für die Ausfuhr gesperrt. Jetzt begann sich Garzarolli sogar persönlich einzusetzen. "Ganz ausnahmsweise" sollen ein Waldmüller-Gemälde und ein Eybl-Porträt freigegeben werden. Die Erben hätten nämlich der Klimt-Widmung zugestimmt. Nur ein "Bildchen" wollte er noch, wie er Demus schrieb, und dieses sei ihm ohnehin zugesagt worden: Pettenkofens Szene nach der Schlacht. Dieses gilt bis heute als verschwunden.

Recherche: Gabriele Anderl/ Ruth Pleyer/Hubertus Czernin

© DER STANDARD, 18. März 1999


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Dr. Stefan Gulner