Artikel 10.3.1999
 - Teil 4

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Teil 4 der neuen Standard-Serie "Der Fall Bloch-Bauer":

Der Maler und sein Modell

Standard-Autor Hubertus Czernin über Ferdinand und Adele Bloch-Bauer, deren letzte direkte Erbin, Maria Altmann, unter anderem Anspruch auf fünf Hauptwerke Gustav Klimts erhebt, die seit einem halben Jahrhundert in der Österreichischen Galerie zu sehen sind.

Adele Bloch-Bauer starb am Samstag, dem 24. Jänner 1925, kurz nach Mitternacht im Alter von 43 Jahren. "Encephalitis" steht auf dem Totenschein. Zwei Tage später wurde ihr Leichnam verbrannt.

Am nächsten Tag erschien in der Neuen Freien Presse ein kurzer Nachruf: "Samstag ist hier Frau Adele Bloch-Bauer, die Gattin des Großindustriellen Ferdinand Bloch-Bauer, im Alter von nur 42 Jahren infolge einer Kopfgrippe gestorben. Die Verblichene, die ihr gastliches Haus mit Vorliebe Politikern, Schriftstellern und Künstlern öffnete, hat durch ihre feine Geistigkeit, ihre Herzensgüte und ihren in aller Stille, aber dafür desto lebhafter betätigten Wohltätigkeitssinn in der vornehmen Wiener Gesellschaft ungeteilte Sympathien genossen. Kunstfreunde werden sich des berühmten Bildes erinnern, das Klimt von der jetzt vorzeitig verblichenen Dame gemalt hat."

In bestimmter Hinsicht hatte es das Leben mit Adele nicht gut gemeint: Sie hatte zwei Totgeburten, ein drittes Kind war zwei Tage nach der Geburt gestorben. Und dann gab es noch die Beziehung zu Gustav Klimt. Über diese existiert eine einzige Quelle: den US-Psychiater Salomon Grimberg, der seine
Erkenntnisse auf Aussagen von Adeles Hausärztin Gertrude Bien, ihrer Zofe Marie-Gabrielle sowie von Louise Gattin und Robert Bentley stützt.

In der Familie Bloch-Bauer war Adeles Beziehung zu Klimt stets tabu. Maria Altmann: "Meine Mutter war entsetzt, als ich sie einmal als junge Frau fragte, ob Adele mit Klimt ein Verhältnis hatte." Thedy Bloch-Bauer sprach daher immer nur von einer "intellektuellen Beziehung" zwischen Maler und Modell.

Eher möglich sei ein Verhältnis mit Karl Renner, dem Staatsgründer, gewesen, vermutet Frau Altmann: "Präsident Renner war Adeles große Liebe." Salomon Grimberg ist jedenfalls überzeugt, daß die 1899 geschlossene Ehe zwischen Ferdinand und Adele arrangiert gewesen sei.

Richtig ist, daß sie nach der Hochzeit ihrer um sieben Jahre älteren Schwester Thedy nichts mehr zuhause hielt, wie auch Frau Altmann weiß. Adele, so Grimberg, sei trotz ihrer Jugend eine hochdisziplinierte Frau gewesen, die intensiv deutsche, französische und englische Klassiker studiert habe. Sie war eine Intellektuelle und wollte eine sein.

Ganz in dem Sinne schrieb sie ihrem Neffen Robert zu dessen 18. Geburtstag:
"Wenn mir das Schicksal Freunde schuf, die geistig und ethisch zu dem ,Besonderen' zählen, einzigartig waren, dann verdanke ich diese Freunde nur einer Eigenschaft von mir: ,der strengsten Selbstkritik'. Ich war und bin stets mein strengster Richter. Im Lauf der Jahre bin ich besser und reifer geworden und habe mir ein Recht erworben auch meinerseits Kritik und hohe Anforderungen an meine Freunde zu stellen. Nur wer von sich das Höchste fordert, bringt es um einen Schritt weiter. Selbstzufriedene Menschen sind nicht entwicklungsfähig."

Laut Grimberg saß Adele erstmals 1900 für Klimt Modell. Nimmt man Alice Strobls monumentale Arbeit über die Zeichnungen Klimts als Maßstab, dann war dies erst drei Jahre später der Fall. Salomon Grimberg glaubt jedenfalls, daß Adele in wesentlich mehr Gemälden dargestellt wird als in den zwei offiziellen Porträts, die er Adele Bloch-Bauer I und II nennt. Auch Judith I (1901) und Judith II (1909) seien in Wahrheit Adele. Jene Judith, über die Felix Salten 1903 schrieb: "Wundervoll ist der Leib dieser Judith gemalt, dieser knabenhafte zarte, beinahe hagere Leib, der sich zu dehnen und strecken scheint." Adele sei aber auch die Frau in Klimts wahrscheinlich berühmtesten Werk, dem 1907/ 08 entstandenden Der Kuß. Spätestens 1912, anläßlich der Fertigstellung von Adele Bloch II, sei die Liebesbeziehung aber schon abgekühlt gewesen.

Grimberg, dessen Untersuchungen von der Wissenschaft durchaus ernst genommen werden, führt eine unbestechliche Zeugin für das Verhältnis Adeles mit dem Meister an: Alma Mahler-Werfel. Tatsächlich könnte sie in ihren Memoiren auch Adele gemeint haben, als sie schrieb: "Klimt umgab seine anfangs großangelegten Bilder mit Flitterkram, und seine Künstlervision versank in Goldmosaiken und Ornamenten. Er hatte niemand um sich als wertlose Frauenzimmer."

Grimberg schreibt, Alma habe Jahre später die Nachricht, daß Adele dem Maler nicht nur Modell gestanden sei, auf unnachahmliche Weise quittiert: "Ich
habe immer schon gewußt, daß die Adele keine Heilige war."

Lesen Sie morgen im 5. Teil: Das Testament

Recherche: Gabriele Anderl/ Ruth Pleyer/Hubertus Czernin


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Ing. Leo Hoschka, Vienna

Last Release from: 04/02/07 02:10

Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner