Artikel 3.7.1999 
Der Standard

Eine Art von Intoleranz

Sehr geehrter Herr Czernin!

Über Ihren offenen Brief an mich bin ich einigermaßen erstaunt. Sie zeigen damit eine Art von Intoleranz, die meiner Meinung nach in unserer Zeit nichts mehr zu suchen hat. Sie erwecken darin den Eindruck, daß Sie im Besitz der einzigen und richtigen Wahrheit sind, und daß nur Sie allein den tatsächlichen Verlauf der Geschichte kennen.

Ich halte diese Einstellung für bedenklich.

Der Begriff "Legat" wird von Adele Bloch-Bauer in dem Testament vom 19. Jänner 1923 in Zusammenhang mit den Gemälden verwendet. Diese Tatsache ist die Grundlage für die Empfehlung des Beirates, dessen Mitglieder den Sachverhalt sehr eingehend geprüft haben. Das Ergebnis ist, daß die Rechtsgrundlage des Rückgabegesetzes auf das Legat von Adele Bloch-Bauer nicht anzuwenden ist. Die Gemälde wurden weder während des Krieges geraubt, noch nach dem Krieg restituiert und aufgrund des Ausfuhrverbotsgesetzes dabehalten.

Was meine parlamentarische Beantwortung betrifft, kann ich Ihnen die Zusammenhänge sehr leicht erklären. Da durch das großzügige Legat der Adele Bloch-Bauer sehr schöne Klimt-Gemälde in der Österreichischen Galerie vorhanden sind, wurden der Familie Ausfuhrgenehmigungen für andere Gemälde anstandslos erteilt.

Sehr verärgert bin ich bezüglich Ihrer Ausführungen über mein Treffen mit Frau Maria Altmann. Sie haben mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darauf gedrängt, daß ich mich mit Frau Altmann treffe. Ich habe dies gegen meine Überzeugung getan, da ich es nicht für zielführend halte, daß ich mit Antragstellern auf Rückgabe Gespräche führe. Während des Gesprächs habe ich Frau Altmann die Zielsetzung des Rückgabegesetzes erklärt und ihr auch klar gemacht, daß der Beirat auf Basis dieses Gesetzes seine Empfehlungen geben wird. Tatsache ist es ja auch, daß Frau Altmann nun auf Empfehlung des Beirates 16 Klimt-Zeichnungen aus der Albertina und zahlreiche Kunstgegenstände aus dem MAK erhält.

Im Gegensatz zu Ihnen, sehe ich Österreich als modernen, aufgeschlossenen Staat, der seine jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger schätzt, ihnen offen und ehrlich entgegenkommt und für die Zukunft mit ihnen eine Partnerschaft eingeht.

Elisabeth Gehrer

Bundesministerin für Unterricht und Kunst
 

*) Anmerkung des Verfassers:

Gegenüber Lügen, Unrecht und Ungerechtigkeit bin ich intolerant. Frau Gehrers Brief bestätigt meinen Verdacht, daß sie vom Beirat über wesentliche Fakten des Falls Bloch-Bauer falsch und wahrheitswidrig informiert wurde, so, daß sie eine falsche Entscheidung treffen mußte:

1. Die Behauptung, daß der Begriff "Legat" in Adele Bloch-Bauers Testament im Zusammenhang mit den Gemälden verwendet wird, ist eine Interpretation, die Manfred Kremser von der Finanzprokuratur vorgenommen hat. Andere Rechtsexperten widersprechen Kremser entschieden. Er selbst dürfte auch nicht ganz überzeugt sein, da er in seinem Gutachten vom 10. Juni 1999, Seite 12, zur Formulierung "entweder Legat oder Schenkungsversprechen" greift.

2. Die Gemälde wurden geraubt. Und zwar per Bescheid der Steuerbehörden  Wien vom 14. Mai 1938. Ab diesem Moment hatte Ferdinand Bloch-Bauer jede Verfügungsgewalt über sein österreichischen Vermögen verloren. Adele Bloch-Bauer I, Adele Bloch-Bauer II und Apfelbaum landeten als Raubgut 1941 bzw. 1943 in der Österreichischen Galerie, Buchenwald/ Birkenwald in den Wiener Städtischen Sammlungen. Häuser in Unterach am Attersee wurde der Familie nach dem Krieg rückgestellt (BDA 2631/159,48 - handschriftlicher
Vermerk Demus und Schreiben Garzarolli vom 2. April 1948).

Für die Klimt-Gemälde gibt es zwei Rückstellungsbegehren bzw. -Ansuchen. Eines ist mit 28. September 1945 datiert ("Sicherstellung der Sammlung"), das andere mit 19.Jänner 1948.

3. Ich habe nicht "mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln" auf ein Treffen Gehrers mit Frau Altmann gedrängt, sondern um einen Termin für letztere gebeten, mit der Begründung, das dies eine besonders nette und wichtige Geste gegenüber einer vertriebenen Österreicherin wäre. Dieser Bitte wurde dankenswerter Weise entsprochen.

Hubertus Czernin

*) Reaktionen auf einen offenen Brief von Hubertus Czernin an Ministerin Gehrer ("Ein beschämendes Schauspiel", STANDARD, 26. 6.); Anlaß: die Empfehlung des ministeriellen Beirats, von einer Rückgabe der Klimt-Gemälde aus der Sammlung der Österreichischen Galerie im Belvedere an Nachkommen der Familie Bloch-Bauer, auf Grundlage des Gesetzes zur Restitution von NS-Raubgut, abzusehen.

© DER STANDARD, 3. / 4. Juli 1999


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Ing. Leo Hoschka, Vienna

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Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner