Artikel 13.11.1998 
Die Presse

Tauziehen um sechs wichtige

Gerbert Frodl, Direktor der Österreichischen Galerie, verweist auf

VON BARBARA PETSCH

Gerbert Frodl ist ein ruhiger Mann. Die letzten Tage freilich scheinen sich die Sorgenfalten auf seiner Stirn vertieft zu haben. Erben der Familie Bloch-Bauer werden, laut Zeitungsberichten, Anspruch auf KLIMT-Gemälde im Belvedere erheben.

Im Zuge des Anfang November im Parlament beschlossenen neuen Kunstrestitutionsgesetzes soll ein Beirat - voraussichtlich unter dem Vorsitz von Rudolf Wran, Sektionschef im Unterrichtsministerium - eingerichtet werden. Dieser Beirat wird Ansprüche prüfen, Empfehlungen abgeben.

Falls das Ansuchen der Bloch-Bauer-Erben abgelehnt wird, wollen diese "andere Wege" beschreiten; sie haben in den USA einen Rechtsanwalt beauftragt.

Am Mittwoch erfuhr Gerbert Frodl überdies, daß sein Vater, Walter Frodl, auf einer Liste des US-Geheimdienstes aus dem Jahr 1946 steht, die 2000 Personen verschiedenster Nationalitäten verzeichnet, die in Nazi-Kunstraub involviert gewesen sein sollen, darunter auch vierzig Namen mit Österreich-Bezug.

Der Jüdische Weltkongreß (WJC) hat die Liste in New York veröffentlicht.Aus Österreich gab es Kritik an falschen Zuschreibungen, aber auch aus den USA; der namhafte Holocaust-Forscher Raul Hilberg nannte die Vorgangsweise des WJC "unverantwortlich". Er habe das 170-Seiten-Konvolut zwar nicht gesehen, aber: "Ich glaube nicht, daß eine Liste aus dem Jahr 1946 heute als Informationsgrundlage dienen sollte."

Ende November findet in Washington eine Conference on Holocaust-Era Assets statt, an der auch Vertreter aus Österreich teilnehmen, etwa Ernst Bacher vom Bundesdenkmalamt, der die Provenienzforschungs-Kommission des Unterrichtsministeriums leitet.

"Testament rechtsgültig"

Welche KLIMT-Gemälde aus der Österreichischen Galerie werden also von Maria Altmann, Nichte Ferdinand Bloch-Bauers, in Los Angeles lebend, beansprucht" Es geht um Adele Bloch-Bauer I und II , um Häuser in Unterach am Attersee, Apfelbaum I, Buchenwald, Schloß Kammer am Attersee, " sagt Direktor Frodl.

Ferdinand Bloch-Bauer, Zuckerindustrieller, und seine Frau Adele waren namhafte Kunstsammler, besonders interessiert an KLIMT. Ferdinand Bloch-Bauer war Präsident der Museumsfreunde, damals der Verein der Staatsgalerie, Vorgänger der Österreichischen Galerie.

Wie kamen die Bilder ins Belvedere Frodl: "Von Adele Bloch-Bauer gibt es ein Testament aus dem Jahr 1923, daß die Bilder der Österreichischen Galerie vermacht werden, der Witwer hat dieses Testament 1926 bestätigt, auch seine Erben, die nach dem Krieg in der Schweiz gelebt haben.

Wir gehen davon aus, daß diese sechs KLIMT-Gemälde aufgrund eines gültigen Testaments in der Österreichischen Galerie sind." Allerdings: Ferdinand Bloch-Bauer mußte vor den Nationalsozialisten flüchten, seine Kunstsammlung wurde konfisziert.

Nach dem Krieg riet ein Anwalt den Bloch-Bauer-Erben, auf die KLIMTs zu verzichten - was auch geschah - , um die übrige Kunstsammlung ausführen zu können. Trotz dieses Verzichts sollen offizielle österreichische Stellen - wie bei den Rothschilds - auch auf die Familie Bloch-Bauer Druck ausgeübt haben, weitere "Schenkungen" zu machen, um die Ausfuhrgenehmigung für den Rest der Sammlung zu erlangen. Im offiziellen Katalog der Österreichischen Galerie finden sich jedenfalls Herkunftsnachweise zu den einzelnen Bildern, deren Geschichte interessant zu erfahren wäre:

Bei KLIMTs "Buchenwald" steht z. B. 1948 Vermächtnis Familie Bloch-Bauer .

Bei "Adele Bloch-Bauer I" steht: 1941 Widmung von Adele Bloch-Bauer .

Bei "Adele Bloch-Bauer II, stehend" (unser Bild) liest man: 1948 Vermächtnis Ferdinand Bloch-Bauer ; und beim "Apfelbaum"1936 Widmung von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer .

Adele Bloch-Bauer starb 1925, Ferdinand Bloch-Bauer 1945 im Exil, meldeten sich die Erben nicht mehr Frodl: "Ich kann zu all dem nichts sagen, weil ich nichts Näheres weiß. Ich weiß nur, daß die Erben 1948 in Zürich die Erfüllung des Testaments gutgeheißen haben. Die Gemälde gehören nicht uns, sondern dem Staat.

Der Beirat entscheidet, was in der Sache zu tun ist."Wie kam es nun zur Eintragung Walter Frodls auf einer Nazi-Kunstraub-Liste des früheren US-Geheimdienstes: "Dr. Walter Frodl. Verantwortlicher für Kunstschutz in Italien, soll konfisziertes Eigentum von Triest an Museum in Klagenfurt geschickt haben," heißt es da lapidar.

Walter Frodl, Jahrgang 1908, starb vor vier Jahren. Gerbert Frodl: "Mein Vater war Kunsthistoriker. Wie er auf die Liste kommt, weiß ich nicht. Ich habe mich nie für Politik interessiert. Mein Vater war Parteimitglied, schon in der Studentenzeit.

Im Krieg wurde er Direktor des Kärntner Landesmuseums. Er war für Kunstschutz in Friaul zuständig, das weiß ich, aber nicht, was das war. Nach dem Krieg wurde er als Direktor des Landesmuseums entlassen, begann aber sehr bald beim Denkmalschutz zu arbeiten, in Graz. Ich denke, er betrachtete diese Sache als Sündenfall, er war ein äußerst liberaler Mensch. Ich halte es für absolut ausgeschlossen, daß er etwas Ehrenrühriges gemacht hat - schon gar nicht, daß er in Kunstraub verwickelt war."


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Herausgeber / editor:
E. Randol Schoenberg  
Dr. Stefan Gulner